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Von der Tyrannei des Verstehens

von Istvan Listo

aus "Trompedego" S.54

"Le loup qui comprend l'agneau est perdu, mourra de faim" - Henri Michaux

Das Schlimme ist, daß selbst die Täter im Grund alles arme Schlucker sind, die einem, wenn man sich in sie hineinversetzt, leid tun können. Für den anderen Verständnis aufzubringen, bedeutet jedoch bereits, sich zu seinem Untertan zu machen. Aus lauter Verständnis läßt man sich das letzte Hemd ausziehen und lächelt verständnisvoll dabei. Christus hatte die Welt verstanden, hatte verstanden, wie er, der Gottessohn, Waisenkind war. Er hatte die Welt verstanden, den Menschen, das Schicksal. Er hatte zu viel verstanden, um seinen Nächsten noch enttäuschen zu können. Er ersparte seinem Nächsten die Wahrheit, unter der er ja schon selber so untröstlich litt. Er sah das Leben und brachte es nicht übers Herz, seine Nächsten aus dem Traum zu rütteln. Er hat geborgt ohne Pfand und Zinsen und ohne Unterschrift und hat alles verloren, doch nicht etwa, weil er keinen Wert auf Besitz legte, sondern weil er dem anderen die Schmach des Wiedereinforderns ersparen wollte. Er hat Tote erweckt, damit seine Nächsten weiter glauben, man stürbe nur zum Scheine. Er sah seine Nächsten und strich sich verstohlen die Tränen aus den Augen. Und als einer für alle hinhalten mußte, trat er vor. Er hat sich nicht geopfert, er hat lediglich den anderen das Opfer erspart, so wie er dem anderen das letzte Hemd gelassen. Ihm, dem er übrigens nicht die andere Wange hingehalten – was reine poetische Verzerrung – sondern den er nur nicht zurückgeschlagen. Er war zu oft der Stärkere, der nachgegeben hat. Bis er am Galgen hing, und es stärker als er selber war, der Masse die Zunge herauszustrecken. Niemand hat ihn verstanden, natürlich nicht, zu sehr hatte er die anderen verstanden, um das zu ermöglichen. Zu sehr hatte er die Welt verstanden, um noch den mindesten Nutzen in seiner Selbstverteidigung zu sehen. Daß man ihn selbst nach seinem Tod noch so verkennen würde, daß heute ein weiß verhülltes Männlein in einem gläsernen Wägelein vor Hunderttausenden auf die Bühne fährt und ihn als Blabla zur Rettung der Hoffnung mißbraucht, hätte er sich bei allem Verständnis für den Lauf der Dinge nicht auszumalen vermocht, erstaunt aber hätte es ihn wohl auch nicht. Vielleicht hätte es ihn bestärkt in seiner letzten Idee, vielleicht doch lieber alles zu genießen, als es gar zu ernst zu nehmen. Wer versteht und unter dem Verstehen leidet, hat nur noch nicht genug verstanden.

Die literarische Logik seiner Person verlangt von Gott, daß er alle versteht, ohne es sich ans Herz gehen zu lassen. Gott ist entweder die Unendlichkeit des Leidens oder die totale Herzlo-sigkeit. Jede Abstufung dazwischen wäre mit der Logik seiner Figur nicht zu vereinen. Ent-weder ist Gott also von seinem Leiden gelähmt und gegenüber der Welt zur Untätigkeit ver-urteilt, oder er ist eine Maschine, ein Perpetuum Mobile. Hätte der herrschende Gott ein Herz, so schlüge es nicht für den einzelnen, sondern höchstens für ein Volk oder die Mensch-heit als Ganzes. Das Ganze aber läßt sich nur auf Kosten seiner Einzelteile, die Menschheit nur auf Kosten seiner Individuen regeln. Die Gerechtigkeit gegenüber dem Ganzen ist die unüberwindbare Ungerechtigkeit gegenüber seiner Teile.
Jesus hatte ein Herz, an dem er zugrunde ging, Gott hat keines.
Wer Gott als Vater sieht, wird, wenn er selbst zum Vater wird, seinen Kindern zum Tyrann, zur Demütigung, zum Henker der Seele. Doch schlimmer als Gottvater, dem die Herzlosigkeit sein Privileg, leidet der Vater an seiner dem Gott abgeschauten Grausamkeit und geht mit seinen Kindern an sich kaputt. Daß die Welt über die Jahrtausende hinweg nicht völlig an der Imagination der Figur des Gottvaters kaputt gegangen ist, ist ein Wunder und vor allem un-trügliches Zeichen dafür, daß die Vorstellungskraft letztlich doch nicht die Lebenskraft zu besiegen vermag.